Umgehung des Sortiments

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Umgehung des Sortiments

Einige Mitglieder der hiesigen Vegetarier-Kolonie Monte Verità gebrauchen zur Umgehung des Sortiments folgenden Weg:

Sie schreiben dem Autor irgend eines Werks, das sie interessiert, Briefe, in denen sie mitteilen, daß sie sich für das von ihm verfaßte Werk interessieren, dieses Werk selbst im Kreise ihrer Freunde und Bekannten im Interesse der Sache verbreiten möchten, das aber nicht könnten, da sie wenig bemittelt seien, und bitten den Autor, doch den Verleger veranlassen zu wollen, ihnen das Werk mit ermäßigtem Preis zu liefern, was gewöhnlich auch geschieht. Die Firma Paul Ollendorf in Paris liefert ihnen z. B. das Werk Niels Terre de la Beauté ord. 3 M 50 Pf, das in Berlin mit 2 M bar ausgeliefert wird, auf Veranlassung der Verfasserin mit 1,35 Frcs.!!!

Man würde noch nichts sagen, wenn die par [sic!] Personen Werke zum eigenen Gebrauch beziehen würden; jedoch ich führe den Nachweis, daß dieses Werk von einer Dame des Monte Verità nach Deutschland, Ungarn, Schweiz und Frankreich zu diesem Preis versandt worden ist. Kommentar ist überflüssig. In gleicher Weise sind meines Wissens bezogen Rikli, Atmosphärische Kuren, Verlag von Th. Grieben, Leipzig, ord. 2 M. Als ich selbiges letzthin einem Herrn, der es mir bestellte, zu diesem Preise offerierte, bekam ich die Antwort: „nein, auf Monte Verità verkauft man’s für 50 Centimes“.

Auch habe ich davon Kenntnis erhalten, daß „Monte Verità“ (angeblich Cooperative Genossenschaft, wovon jedoch im Genossenschaftsregister nichts steht) von verschiedenen Verlegern mit Rabatt bezieht. Ich vermute, daß dieses darauf zurückzuführen ist, daß man annimmt, meine Firma sei eine Buchhandlung der Vegetarier-Ansiedlung, weil in dem (bei Marhold in Halle a. S. erschienenen Werk: Grohmann, „Die Vegetarier-Ansiedlung in Ascona“ von einem Buchhändler des Monte Verità die Rede ist, womit der Verfasser offenbar mich meint. Ich erkläre ausdrücklich, daß meine Firma mit dem Monte Verità nichts zu thun hat, und außer der meinigen eine buchhändlerische Firma am hiesigen Platze nicht besteht.

Wenn jene Gesellschaft Bücher direkt vom Verleger bezieht, so thut sie es um ihr Prinzip: Umgehung des „Spezialistentums“ zu verwirklichen. „Spezialisten“ nennen sie alle Fachleute; sie allein sind „Universalmenschen“.

Ich füge noch eine wörtliche Aussprache des Leiters vom Monte Verità gegenüber dem Redakteur der „Gesundheit“ Bern bei, wie sie in Nr. 24, 1904, der „Gesundheit“ angeführt ist. Ich denke, es dürfte sich empfehlen, daß sämtliche Verleger, die von Monte Verità Bestellungen erhalten, diesen, das Sortiment umgehenden „Universalmenschen“ in ihrem eigenen Interesse Universal-Ladenpreise unter Belastung von Porto und sonstigen Spesen anrechnen.

Die „Gesundheit“ schreibt:

„O nein, wir wollen nur das Schädliche der Kultur abstreifen, wir treiben hier gerade wahre Kultur. Wir wollen hauptsächlich das Spezialistentum überwinden und universale Menschen werden; wir wollen selbständig sein und nicht von so und so vielen Handwerkern abhangen, alles, was wir brauchen, möglichst selber machen können, wie Schuhe, Kleider, Häuser etc., natürlich mit Hülfe von Maschinen. Wir behaupten, daß ein Mensch, wenn er nur ernstlich will und energisch dahinter geht, bald es zu großer Fertigkeit in diesen Handwerken bringt und darin Besseres leistet, als der Spezialist. Das haben wir hier schon genug erfahren; wir bauen z. B. Lufthäuschen jetzt schon besser als unsre Schreiner.“ — —

C. v. Schmidtz Verlag und Buchhandlung, Ascona (Schweiz).

Erwiderung

I.

Das Werk von Mme Alix Nils, „Terre de la Beauté“ war nur unser Kommissions-Verlag, der von derselben schon vor der kürzlich erfolgten Expedition von uns zurückgezogen wurde. Die Verfasserin war also in dem alleinigen Recht, den Preis des Buchs in beliebiger Weise festzustellen. Solange das Werk durch unsre Firma vertrieben wurde, ist es stets zum Preise von 3 Frcs. 50 Cts. resp. 2 Frcs 35 Cts. berechnet worden. Von dem Augenblick an, wo es nicht mehr unserm Verlag angehörte, konnte die Verfasserin in jeder Weise darüber verfügen.

Société d’Editions Littéraires et Artistiques
(Paul Ollendorff), Paris.

Erwiderung

II.

Von vorstehender Angelegenheit ist mir seither so wenig etwas bekannt gewesen, wie von der Existenz des Monte Verità in Ascona. Die verschiedenen Schriften von Arnold Rikli dienen im wesentlichen Reklame- und Aufklärungszwecken für die Naturheilanstalten Riklis, sind Verlag desselben und werden durch mich nur an den Buchhandel ausgeliefert, wie auch auf den Titeln vermerkt ist. Eine Schrift *Die atmosphärische Kur“ hat existiert, 70 Pf ordinär gekostet, ist aber seit längeren Jahren völlig vergriffen. Vermutlich ist ein andres Buch „Grundlehren der Naturheilkunde“ gemeint, das 2 M. ord. kostet und zu diesem Preis von Rikli vielfach annonciert wird. Daß Rikli dem Monte Verità dieses Buch für 50 Cts liefert, muß ich stark bezweifeln, könnte dem aber nach Lage der Sache gar nicht entgegenstehen. Ich glaube viel eher, daß hier überhaupt ein Irrtum seitens des Herrn C. v. Schmidtz vorliegt und bin erstaunt, daß eine solche Angelegenheit, die des öffentlichen Interesses doch absolut entbehrt, überhaupt zur öffentlichen Diskussion gestellt wird.

Leipzig, 17. Dezember 1904

Th. Grieben’s Verlag.

Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel (Leipzig), 71. Jahrg., 22. Dezember 1904, Nr. 297, S. 10. Online


Letzte Änderung: 26. September 2025.