[Morris Rosenfeld.] Der bekannte jiddische Dichter Morris Rosenfeld, dessen „Ghettolieder“ von Professor Wiener von der Havard-Universität [sic!] ins Englische, von Maxim Gorki ins Russische, von Brchlizky ins Czechische und von Berthold Feiwel ins Deutsche übertragen worden sind, ist im 61. Lebensjahre in Newyork gestorben. Schon als Kind war er aus seinem russischen Heimatstädtchen Bokscha, wo seine Vorfahren als Fischer gelebt hatten, nach Warschau gekommen, und als Achtzehnjähriger wanderte er mit seiner jungen Frau nach London aus, von wo er nach zwei Jahren die Ueberfahrt nach Newyork antrat. Im jüdischen Arbeiterviertel Newyorks empfing er die Anregungen zu den später berühmt gewordenen Gedichten von den jüdischen Wanderern, von der Werkstatt, von der Träne auf dem Eisen, Gedichte, in denen allerdings die Reflexion manchmal stärker ist, als die naive Empfindung. Eine Gesamtausgabe seiner Werke erschien im Jahre 1908 in Newyork.
Neue Freie Presse, 30. Juni 1923, S. 5-6. Online
