Sonnenblumen Postkarten

Sonnenblumen Postkarten. Nachdem die Ansichtspostkarten ein beliebter Modeartikel und ein gesuchtes Sammelobjekt geworden sind, hat sich ihrer nun auch die Poesie bemächtigt, um sie sich dienstbar zu machen. Der Verlag von Karl Henkell [sic!] u. Co. in Zürich und Leipzig gibt nach der Art der reizenden „Sonnenblumen“ nun auch Sonnenblumen-Postkarten heraus, welche jeweilen das Bildnis eines Dichters und einige Verse, irgend ein niedliches Gedichtchen desselben tragen, das im freundschaftlichen Postkartenverkehr zugleich ein sinniges poetisches Angebinde bildet. Was der Briefschreiber gerne selber ausdrücken möchte, sagt er durch den beredten Mund des Dichters viel inniger und nachdrücklicher. Den feinsinnigen Gedanken, den der Herausgeber mit dieser neuen Gabe verfolgt, spricht er in den folgenden Widmungsversen hübsch aus:

Soll die Welt durchdringen
Sinnvoll schönes Sein,
In den kleinsten Dingen
Laß die Kunst herein!

Nicht in „höhern Sphären“
Weltfremd throne sie,
Auf den Hausaltären
Heimisch wohne sie.

Hauch der Dichter streife
Deine Seele nah,
Nur zur Feder greife,
Und der Gott ist da.

Auf der Karte Schwingen
So von Hand zu Hand
Mag dein Wort umschlingen
Zarter Musen Band!

Die Sonnenblumen-Postkarten find reizend ausgestattet und eignen sich auch als Geschenke; sie sind in kleinen artigen Mappen von je 24 Karten zu beziehen. Wir zweifeln nicht daran, daß diese Sonnenblumen-Postkarten rasch eine ebenso große Verbreitung finden werden, wie die bekannte Sammlung der unter dem Namen „Sonnenblumen“ herausgegebenen Dichterblätter; sie werden wohl bald auf keinem Damenschreibtisch mehr fehlen.

Neue Zürcher Zeitung, 119. Jahrg., 23. Januar 1898, Beilage zu Nr. 23, S. 2. Online


Letzte Änderung: 12. Dezember 2025.