Eine eigenartige Wald-, Luft- und Lichtkurkolonie…

Eine eigenartige Wald-, Luft- und Lichtkurkolonie ist auf dem Waidberg in der Nähe von Zürich entstanden. Herr Th. Stern, Pfarrer a. D., hat hier ein Kurhaus im Chaletstil und daneben ein ganzes Dutzend kleinerer und größerer Lufthäuschen und Hütten bauen lassen, die für ein und zwei Betten eingerichtet sind. Unter der Leitung des Herrn Stern und eines Arztes Dr. Rüttimann wird hier das Naturheilverfahren gepflegt, und man glaubt sich schier ins Elfenreich versetzt, wenn man – wenn auch nur auf den Bildern des Prospektes – auf den stillen Waldwiesen in ihren mondscheinleichten Lichtluftgewanden, mit Kränzen im wallenden Haar, Frauen und Mädchen ihre Spiele treiben sieht. Ein Hauptvorzug des Waidberges, sagt der Prospekt, sei die Freiheit, die man hier im wenig begangenen Waldrevier genießt. Auch unter den Gästen selbst herrsche ein ungezwungener Ton, der freilich nie in Ungebundenheit ausarten dürfe, worüber strenge gewacht werde. „Gerade bei der größten äußerlichen Freiheit und Einfachkeit soll sich um so mehr natürlicher Takt und wahres Zartgefühl entwickeln. Wenn die Etikette und der Zwang einer falschen Kultur fällt, müssen innere Zucht und Herzensbildung zutage treten.“ Der Verkehr der beiden Geschlechter sei natürlich und harmlos, und die Anstaltsleitung möchte gerade hier gesünderen Zuständen Bahn brechen helfen. So habe es sich auf Waidberg eingebürgert, daß Damen und Herren gemeinsam spielen, obwohl ein Spielplatz allein für Damen reserviert ist, der von Herren nicht betreten werden dürfe.

Der Bund (Bern), 56. Jahrg., 9./10. Mai 1905, Nr. 217, S. 4. Online


Letzte Änderung: 28. Juni 2026.