Ueber das Nackte

W. Ueber das Nackte in Kunst und Leben oder besser im Leben und in der Kunst sprach Freitag Abend im Schwurgerichtssaal Herr alt Pfarrer Stern. Der anderthalbstiindige Vortrag konnte in Anbetracht der erdrückend schwülen Sommerlust den über 60 Zuhörern zu keiner passenderen Gelegenheit gehalten werden. Wir skizzieren hier den Inhalt desselben: Das Nackte ist die Natur, die Wahrheit, und man sollte sich heimisch bei ihm fühlen. Statt dessen herrschen heute vollständig falsche Empfindungen und Ansichten darüber, die die unnatürlichsten und krankhaftesten Forderungen stellen. Die Sitte, die Polizei, die Prüderie verbieten, daß man so einherschreite, wie die Natur einen erschaffen hat. Die Natur ist demnach unanständig. Zur Friedenszeit gingen die Germanen ohne Unterschied der Geschlechter nackt einher, selbst im Mittelalter badete man wenigstens noch nackt. Durch die heutige Ueberkultur, die durch raffinierte Verhüllung halb entblößt, wird in der Jugend ebenso wie im älteren Menschen eine krankhafte Sinnlichkeit, ein sexuelles Fieber erzeugt, das ein Großteil der Kraft vernichtet, ja sogar in sehr vielen Fällen das Leben in seinen Wurzeln zerstören kann. Selbst eine zeitweilige Befriedigung dieses Verlangens nach dem Nächsten, die sich junge Leute verschaffen tönnen, wird immer nur eine neue Nahrung dieses Fiebers, eines wesentlichen Faktors unserer modernen Neurasthenie, sein. Einzig und allein wenn das Nackte zur Gewohnheit wird wie bei den Griechen, wenn der Körper nicht mehr für unanständig gilt, kann diese Spannung sich lösen. Die geschichtliche und auch die heutige Erfahrung zeigt, daß nur das Verhüllte und nicht das Nackte-, wenn es das allgemein Uebliche ist, reizt. An und für sich ist es also gar nicht das verschriene Gefährliche, sondern man hat es erst dazu gemacht. – Es sind manche Anzeichen dafür da, dasß sich allmählich eine Revolution vorbereitet und die verhüllenden Lmnpen zu den Lumpen geworfen werden. In der Kunst wird das Nackte Mode. Auch da herrscht leider das Raffinierte noch zu sehr. Als Kämpfer gehen unter anderen voran: Dr. Stratz, Schulze-Nauenburg, mehrere Zeitschriften. Vielen Kunstwerken haftet noch etwas Erzwungenes an, und die Gestalten erscheinen weniger nackt als vielmehr ausgezogen. Naturtreue zu schaffen ist nur dann möglich, wenn das Leben vorangeht, um der Kunst gesunde Schönheit liefern zu können, so daß nicht mehr die Venus von Boticcelli, eine schwindsüchtige Dame, als Ideal der Schönheit gepriesen wird. Die Grie-


Letzte Änderung: 28. Juni 2026.