Ein Verein von Freiluftgymnastikern ist die neueste Gründung, die in des Wortes direktester Bedeutung in unserer guten Stadt Zürich das Blut der Teilnehmer in vermehrte Bewegung setzen soll. Herr Pfr. Stern, der als Redaktor der „Gesundheit“ in Oerlikon lebt, hat neulich im Schwurgerichtssaal vor etwa 200 Zuhörern einen Vortrag über die zu Gunsten der Freiluft-Gymnastik in Berlin eingeleitete und bereits ernste Erfolge verzeichnende Bewegung gehalten. Interessant war dieser Vortrag und für viele Zuhörer neu, weil der Herr Referent zur Veranschaulichung dessen was er eigentlich will, die Gymnastik im klassischen Hellas (Griechenland) nach Pflege und Ergebnissen schilderte. Schon das Wort Gymnastik an sich besage ja Körperbewegnng in freier Luft und das Beiwort Freiluft sei nur nötig, weil eben eine Jahrtausend alte Verkehrung des Begriffs dem Worte seine wahre Bedeutung genommen habe. Die alten Hellenen haben schon 700 Jahre vor Christi Geburt ihre regelmässigen Leibesübungen bei völliger Nacktheit gemacht, während sie vorher noch die Lendenbinden vorgesehen hatten. Sie machten ihre körperlichen Uebungen, die in Ringkämpfen, im Speer- und Diskuswerfen, im Laufen und Springen, im Spiel der Waffen und in der möglichst gleichmässigen Ausbildung aller Körperteile durch entsprechende Bewegungsübungen bestanden stets an freier Luft, in den großen und herrlichen Gärten und Alleen, deren Gesamtheit man die Gymnasien nannte und mit denen auch Gebäude für Bäder, für philosophischen Unterricht usw. verbunden waren. Vor diesen Uebungen salbten sich die Hellenen die Haut mit Pflanzenölen ein. Ihre Ringkämpfe fanden auf feinem, aus dem Nil in Aegypten genommenen Sande statt. Die Fertigkeit in allen gymnastischen, der gesunden Seele einen gesunden Körper sichernden Uebungen galt als wesentlicher Bestandteil der allgemeinen Bildung und die Erfolge an den bekannten alljährlich wiederkehrenden Wettspielen der Gymnastiker waren die größten Ehren, die ein Hellene in Friedenszeiten erwerben konnte. Ein bleicher, ungebräunter Körper war bei den Hellenen eine Schande und als sie an einem gefangenen Perser dessen schwammigen Körper und die blasse Hautfarbe sahen, waren sie voller Zuversicht über dieses Volk siegen zu können. Der Vortragende erging sich dann in bittern Klagen über die verkehrte und dem Körper ungemein schädliche Erziehungsweise der Gymnasien und Schulen unserer Kulturepoche, wies auf die schönen, vielfach den hellenischen Gepflogenheiten und Sitten entnommenen Sportsthätigkeiten der Schulen Englands, zeichnete die verkrüppelnden Folgen der Sitzpraxis unserer Gymnasien and stellte mit viel Temperament die Forderung auf, daß unsere Gnmnasien dem wirklichen Sinn ihres Namens wieder besser gerecht werden. In Berlin habe ein Verein es gewagt, die Turnerei, deren Geschichte Hr. Stern im Uebrigen kurz skizzierte, an die Bedingung des traditionellen Badekostüms zu knüpfen und der hygienische Nutzen dieser auch sonst mit viel Bedacht alle Einseitigkeit z. B. unharmonische Armkraftmeierei vermeidende Turnerei habe rasch große Anerkennung gefunden, so daß bereits die modern klassischen Gymnasien (Freiluft-Gymnasien, Freiluft-Sportanstalten) sehr viel Zuspruch haben. Ueber diesen gesundheitlichen Wert gab der Herr Vortragende ein außerordentlich lockendes Bild und im Zusammenhange damit empfahl er die athletischen Uebungen nach System Sandor mit nur 5 bis 10pfündigen Hanteln, aber nach solchen Gebrauchsregeln, daß alle Körperteile, das Muskelsystem aller vier Glieder, nicht nur der Arme, ebenmäßig ausgebildet werden. Beiläufig wies er mit viel Anerkennung auf ein neulich im Reform-Verlag Zürich, Bern und Basel erschienenes Buch von Konrad Wahr, das den Titel „Mehr Menschen“ trägt, wobei der Nachdruck auf das zweite Wort zu legen ist. Damit wir Menschen wieder wirkliche Menschen werden, d. h. alle menschlichen Eigenschaften und Fähigkeiten in uns vereinigen und harmonisch entwickeln, sollte eben die hellenische Gymnasialbildung zu den sittlichen Fortschritten unserer Kultur gefügt werden. Dies anzubahnen und zu erreichen, will er nun hier einen Verein gründen, der die Erstellung einer Turnschule nach hellenischem Muster, eine Freiluft-Sportanstalt und ihre eifrige und zielbewußte Benutzung anstrebt, ein Verein, der zugleich Freiluftturnen übt und also auch vorbildlich für seine Zwecke vorgeht. Er gewann am Schlusse der Versammlung unter den speziell hierfür gebliebenen Zuhörern 60 Unterzeichner der Beitritts-Erklärung zu diesem Verein.
Tages-Anzeiger für Stadt und Kanton Zürich, 15. Mai 1902, Nr. 112, S. 7. Online
