Lied der Armen

Lied der Armen

Soziales Gedicht von Karl Henckell.

Wir sind die Armen, wir sind die Elenden,
Arme und Elende sind wir nicht,
Weil mit reichen Tönen, mit glückbeseelenden,
Zu uns die Stimme der Zukunft spricht.
Wir sind die drunten in Tiefen Wohnenden,
Um uns’re Stirnen noch streicht die Nacht,
Doch wir beneiden die droben Tronenden
Nicht um die prunkenden Sessel der Macht.

Denn in die Tiefe sollen versinken
Gleißende Herrlichkeiten der Herrn,
Stürzen zur Rechten, stürzen zur Linken,
Ob ihren Häuptern erbleicht ihr Stern,
Aber zu unsern Häupten entflammen
Sterne der Feiheit ihr funkelnd Licht.
Goldene Säulen brechen zusammen;
Nimmer, was wir erbauen, zerbricht.

Uns ist gefallen ein Loog vor allen
Unvergleichlich und wahrhaft schön:
Wir steigen aufwärts und vorwärts wallen
Wir zu des Lebens leuchtenden Höh’n.
Wir sind die Armen, wir sind die Elenden,
Arme und Elende sind wir nicht,
Weil mit reichen Tönen, mit glückbeseelenden,
Zu uns die Stimme der Zukunft spricht.

Korrespondenzblatt des Verbandes der Lebens- und Genussmittelarbeiter der Schweiz (Bern), 2. Jahrg., 1. Dezember 1906, Nr. 16, S. 1. Online


Letzte Änderung: 12. September 2025.