Das Jahrmarktsfest des Künstlerhauses
Zur Eröffnung
Prolog
von Karl Henckell
Nicht allzu feierlich mag Euch mein Wort
Zu diesem Künstler-Jahrmarktsfest begrüßen,
Doch frohen Sinnes solchem edlen Sport
Bring‘ ich mein Heil auf leichten Reimesfüßen.
Der freien Kunst gilt Eure Thätigkeit,
Drum sei mein Glückwunsch dem Bazar geweiht!
Die Kunst braucht Gunst, wenn sie florieren soll,
Arm ist das Volk, das ihren Wert verachtet,
Das nur dem Nutzen spendet seinen Zoll,
Und nie nach Thaten wahrer Schönheit trachtet.
Es spinnt ein mühsam Tagwerk emsig ab,
Und sinkt doch ruhmlos in der Zeiten Grab.
Die Ihr des Tones Musen eifrig hold,
Bürger von Zürich, andre Musen dürsten!
Ihr bliebt noch schuldig manchen Ehrensold
Den Meisterdichtern und den Malerfürsten.
Was sich in Form und Farben offenbart,
Dem habt zumal Ihr Huld und Gold gespart.
Nun ist es Zeit: ein Trieb erblüht der Stadt,
Der Bildkunst eine Stätte zu bereiten,
Wo nicht im Winkel staubt ihr Lorbeerblatt,
Wo voll der Kranz sich neigt nach allen Seiten.
O nicht verdrossen dürft Ihr seitwärts schaun,
Helft, Bürger, helft, das „Künstlerhaus“ zu baun!
Im Namen Böcklins, der im Reigen heut
Der Malerkunst vorangeht groß und eigen,
Im Namen Pans, der Frühlingsblüten streut
Und Wälder überschwillt mit grünen Zweigen…
Der freien Kunst voll quellender Natur
Schafft Raum und Ruhm mit einem Scherf-
lein nur!
Viel zarte Hände sind hier aufgethan,
Zu Ehrenpreisen Schätze zu vergeben,
Und die noch nie die „blaue Grotte“ sahn,
Sie können blaue Wunder hier erleben.
Vergnügt Euch, kauft, so weit die „Kaufkraft“ reicht,
Euch dankt die Kunst, wird Euch der Beutel leicht.
Zürich, 20. April 95.
Karl Henckell
Neue Zürcher Zeitung, 116. Jahrg., 25. April 1895, Nr. 114, S. 2. Online
