Die sinkende Sonne

Wie über das ganze Festspiel ist über den ersten Teil Die sinkende Sonne, das als Weihespiel nach Otto Borngräbers Sang an die sinkende Sonne, bezeichnet wird, wenig bekannt.

Unklar ist, was es mit Borngräbers Sang an die sinkende Sonne auf sich hat, da der verwendete Text nicht bekannt ist. Unklar ist insbesondere sein Umfang beziehungsweise Verhältnis zu Bewegung und Tanz sowie die Bedeutung des Hinweises „nach Otto Borngräbers Sang an die sinkende Sonne„. Möglicherweise handelt es sich um ein Fragment, des 1916 überrraschend verstorbenen Dichters. Oder eine Zusammenstellung von Texten als eine Hommage, worauf auch die Bezeichnung als Weihespiel hindeuten könnte.

Nicht einmal die Bezeichnungen sind klar. Während das Programm die dreiteilige Freihlichtaufführung als Sonnenfest ankündigt, bezeichnet Rudolf von Laban sie in seinen Erinnerungen Ein Leben für den Tanz, die 1935 erschienen sind, als Naturreigen Sang an die Sonne, den ersten Teil als der Tanz der sinkenden Sonne.

Rudolf von Laban über Die sinkende Sonne

In Ein Leben für den Tanz gibt Rudolf von Laban folgende Beschreibung des ersten Teils:

Auf einer Bergwiese, die gegen Süden, Osten und Norden von großen Baumgruppen umsäumt war und gegen Westen an einen jähen Abhang grenzte, hatten wir aus Feldsteinen eine Feuerstelle errichtet. Die Zuschauer saßen auf drei Seiten an einer Baumgruppe. Auf der vierten Seite sah man tief unterm Abhang einen opalfarbenen See zwischen riesigen Bergen, die sich gegen Südwesten zu in blaue Hügelketten verloren. Auf diesem Schauplatz fand die einleitende Szene des Festspiels „Der Tanz der sinkenden Sonne“ statt. Nach einem feierlichen Reigen rings um die Feuerstelle kam ein Sprecher, von seinem Zug begleitet, den Abhang herauf. Der Augenblick, in dem sein Kopf über dem Rand der Wiese aufstieg, war so gewählt, daß hinter ihm der untere Rand der untergehenden Sonnenscheibe gerade den Horizont berührte. Dort sprach er die ersten Sätze seines Spruches an die sinkende Sonne. Weiter heraufgekommen und zu der Feuerstelle heranschreitend, wurde er von einem Begrüßungsreigen umringt. Dann sprach er den zweiten Spruch an die Sonne, die inzwischen schon halb versunken war. Bei dem Abschiedsreigen, zur Sonne hin, traten Frauen und Kinder aus den Reihen der Zuschauer an die Feuerstelle heran und fachten die Flamme an. Der steil aufsteigende dünne Rauch wurde durch immer wieder heranstürmende Gruppen in leichte Schwingungen gebracht. Den. Spruch an die Dämmerung begleitete ein feierlicher Schlußreigen der sich endlich zu einem Zug gestaltete, in dem die Zuschauer vom Spielplatz weggeführt wurden.1

Jakob Flach über Die sinkende Sonne

Jakob Flach, der selbst daran teilgenommen hat, bezeichnet rückblickend in seinem Buch Ascona, das erstmals 1960 erschienen ist, Borngräbers Text, von dem er eine Strophe oder einen Teil einer Strophe mitgibt, als Hymnus:

Während die Sonne königlich hinter dem Ghiridone unterging, erklang auf der Wiese vor der Freitreppe der Hymnus an die Sonne von Borngräber:

‚Seht, sie sinken tief in dem Meere… ‚

Ein steinerner Altar war errichtet und ragte in den westlichen Himmel, der sich dehnte in Klarheit und Sehnsucht über den dunkler werdenden See; die Gestalten schritten und tanzten und frohlockten mit den feierlichen Worten des Dichters zum Lobpreis der lebenspendenden Sonne vor dem lichten, natürlichen Hintergrund, wie ihn kein Theater bieten kann – im Kreise saß Hans Arp und nickte Beifall.

Allerdings ist bei seiner Schilderung Vorscheint angebracht, denn er scheint sich nicht genau an die Veranstaltung erinnern zu können. Helmut Möller/Ellic Howe kommentieren: „Kein Wort vom O.T.O. […], kein Wort von Reuß, den sich der betagte Jakob Flach erst wieder ins Gedächtnis rufen mußte.“ („Merlin Peregrinus. Vom Untegrund des Abendlandes“, Würzburg 1986, S. 220.)

  1. Ein Leben für den Tanz, Dresden 1935, S. 195-196. []

Letzte Änderung: 26. Januar 2026.