Dr. Emil Simonson
Ein Stiller aus der Reihe der zionistischen Veteranen ist von uns gegangen. Im bürgerlichen Leben und in der medizinischen Wissenschaft spielte er die Rolle eines Eigenbrötlers. Sie brachte ihm wohl innere Befriedigung, äußerlich jedoch manche Enttäuschung. Aber Enttäuschungen beirrten ihn in seiner Ueberzeugung nicht. In einer Anzahl von Arbeiten — meistens in der Zeitschrift ״Hippokrates“ — legte er seine stets geistreichen, oft sogar mathematisch und physikalisch unterbauten Anschauungen nieder. Er war ein Gegner der sogen. Schulmedizin und strenggläubiger Vegetarier. Jahrzehnte lang, bis ans Ende, lebte er in fast asketischer Weise nach den Regeln seiner hygienischen Moral.
Für das Judentum war Simonson voll Eifer und Begeisterung. Er gehörte zu den ersten, die dem Appell Herzls folgten. Er war kein lauter Rufer im Kampf. Aber in manchen gründlich erwogenen, langsam geschriebenen und sorgfältig gefeilten Aufsätzen über jüdische und besonders zionistische Fragen kam er beachtenswert tu Worte. Er war ein lächelnder Philosoph, der mit feinem Humor die Schwächen der Mitmenschen zu zerlegen verstand. Die ältere Generation wird sich noch mit Vergnügen des „Politischen Wochenschaute“ erinnern, in dessen Namen Simonson einst in der Zeitschrift ״Schlemihl“ die Ereignisse mit viel Geist und Witz glossierte. Er war ein Meister der Wortspiele und Wortverrenkungen, mit deren Hilfe er oft einen ganzen Satz durch eine Silbe ersetzen konnte.
Die letzten Jahre verlebte er im Kreise seiner Familie in Tel Awiw.
Wer diesen ruhigen und edlen Menschen, den guten Juden und begeisterten Zionisten kannte, wird ihm ein treues Andenken bewahren.
M. Jungmann
Jüdische Rundschau, 43. Jahrg., 9. August 1938, Nr. 63, S. 6. Online