Eine neue schweizerische Zeitschrift – zu den vielen – tritt soeben mit ihrer ersten Nummer vor die Oeffentlichkeit. Die neue Monatsschrift betitelt sich “Polis“ und ist herausgegeben von Dr. Johannes Widmer in Zürich. Ihr Programm ist sehr einfach und deshalb kurz: „Ueberall vernehmen wir den Ruf nach einer neuen Heimat. Laut hallt es in uns wider. Daß er klar, stark und gesammelt ins Land hinauserschalle, dazu haben wir unsere „Polis“ gegründet. Für ihr Gedeihen treten wir mit unsern besten Kräften ein und hoffen, daß sie viele gute Geister wecke, aufrichte und auf ihren Bahnen in eine frohe Zukunft führe.“ Der erste Artikel von Dr. Rudolf Willy ist betitelt „Der höhere Mensch“ und führt aus, daß wirtschaftliche Reformen nicht die einzige Hoffnung, sondern nur grobe Wegmacherarbeit sind für das höhere Ziel, die Menschen selbständig, den einzelnen wie das Ganze persönlich zu machen. In dem Artikel „Kunst und Sozialismus“ verlangt Ulr. Wilh. Züricher, daß das Leben und auch das Endziel des Sozialismus ein künstlerisches sein müsse. Die erste Nummer enthält ferner u. a. Beiträge von Fritz Brupbacher, Dr. Max Tobler, Dr. Wintsch und Dr. Johannes Widmer. In der neuen Zeitschrift steckt viel Idealismus, der sich u. a. auch äußert in dem offenen Bekenntnis, des Redaktionskomitees, daß es die Zeitschrift ohne Kapital begründet.
Neue Zürcher Zeitung, 127. Jahrg., 10. Dezember 1906, Nr. 342, S. 1. Online
