Belvoir

1898

Belvoir

Zu Glanzkrystallen fror der Schnee
Und glitzerte von Baum zu Baum
Wie Silberschaum…
Du hobst den Schleier in die Höh‘,
Und leise deiner Lippen Saum
Hab‘ ich geküsst…
Wo die Guirlanden
Voll Rosen sich im Sommer wanden,
Hing strohbedeckt und blüthenlos
Das Dorngerank…

Des menschenleeren Parkes lag
Die Villa, wo vor Jahr und Tag
Das Liebespaar vom Belvoir,
Stauffer und Lydia, glücklich war.

Und als den Arm um deine Hüfte
Ich leicht gelegt, und wir den Pfad,
Wo sich die Beiden gern genaht,
Mit schnellem Schritt hinuntergingen,
Jäh sah ich da zwei Schicksalsgrüfte
Tiefklaffend auseinanderspringen.

Der junge Bildner hob die Hand,
Die müde Hand, zum letztenmal,
Den Blick voll fürchterlicher Qual
Halb dem Gemälde zugewandt,
Das unerreichbar vor ihm stand,
Halb suchend mit des Wahnsinns Grauen
Die Frau, die Schierlingsmyrten wand.
Sich selbst dem Freier Tod zu trauen.
Wie Frosthauch das Phantom verschwand…

Du brachst ein breites, festes Blatt
Der immergrünen Stachelpalme
Und gabst es mir; ich that desgleichen
Zu dauernder Erinnerung Zeichen —
Dann eilten wir zurück zur Stadt,
Still lag der See und silberglatt.

* Der Maler Stauffer-Bern

1901

Belvoir

Zu Glanzkrystallen fror der Schnee
Und glitzerte von Baum zu Baum
Wie Silberschaum…
Du hobst den Schleier in die Höh‘,
Und leise deiner Lippen Saum
Hab‘ ich geküsst…
Wo die Guirlanden
Voll Rosen sich im Sommer wanden,
Hing strohbedeckt und blüthenlos
Das Dorngerank…
Im weissen Schooss
Des menschenleeren Parkes lag
Die Villa, wo vor Jahr und Tag
Das Liebespaar vom Belvoir,
Stauffer und Lydia, glücklich war.

Und als den Arm um deine Hüfte
Ich leicht gelegt, und wir den Pfad,
Wo sich die Beiden gern genaht,
Mit schnellem Schritt hinuntergingen,
Jäh sah ich da zwei Schicksalsgrüfte
Tiefklaffend auseinanderspringen.

Der junge Bildner hob die Hand,
Die müde Hand, zum letztenmal,
Den Blick voll fürchterlicher Qual
Halb dem Gemälde zugewandt,
Das unerreichbar vor ihm stand,
Halb suchend mit des Wahnsinns Grauen
Die Frau, die Schierlingsmyrten wand.
Sich selbst dem Freier Tod zu trauen.
Wie Frosthauch das Phantom verschwand…

Du brachst ein breites, festes Blatt
Der immergrünen Stachelpalme
Und gabst es mir; ich that desgleichen
Zu dauernder Erinnerung Zeichen —
Dann eilten wir zurück zur Stadt,
Still lag der See und silberglatt.

* Der Maler Stauffer-Bern

1921

Karl Stauffer-Bern

Im Belvoir-Park, Zürich

Zu Glanzkristallen fror der Schnee
Und glitzerte von Baum zu Baum
Wie Silberschaum…
Du hobst den Schleier in die Höh,
Und leise deiner Lippen Saum
Hab ich geküsst…
Wo die Girlanden
Voll Rosen sich im Sommer wanden,
Hing strohbedeckt und blütenlos
Das Dorngerank…
Im weißen Schooss
Des menschenleeren Parkes lag
Die Villa, wo vor Jahr und Tag
Dem kunstberauschten Liebespaar
Verhängnis, Schmach und Schuld gebar.

Und als den Arm um deine Hüfte
Ich leicht gelegt und wir den Pfad,
Wo die Verstrickung sich genaht,
Mit scheuem Schritt hinuntergingen,
Jäh sah ich da zwei Schicksalsgrüfte
Tiefklaffend auseinanderspringen.
Wie bleiche Schemen wars zu schauen:

Der junge Bildner hob die Hand,
Die müde Hand, zum letztenmal,
Erschöpft des Blickes Schöpferqual
Halb dem Gemälde zugewandt,
Das unerreichbar vor ihm stand,
Halb suchend mit des Wahnsinns Grauen
Die Frau, die Schierlingsmyrthen wand.
Sich selbst dem Freier Tod zu trauen.
Wie Frosthauch das Phantom verschwand…

Um Dornen hingen eisige Halme.

Du brachst ein breites, festes Blatt
Der immergrünen Stachelpalme
Und gabst es mir als treues Zeichen.
Ein zukunftgrüßendes Händereichen
Zu hellern Wegen,
Hoffnungsstark,
Flohn wir der Schatten weißen Park.

Gedichte, Zürich und Leipzig, 1898, S. 430-431. Online
Die Rheinlande, Juli 1901, S. 34. Online
Buch der Kunst, München 1921, S. 123-124.

Der hohe Preis der Freiheit, Beitrag von Denise Tonelle im Blog des Schweizerischen Nationalmuseums.


Letzte Änderung: 7. April 2026.