Maigedicht

Maigedicht

Es wird ein großes Maigedicht
Auf Erden heut gewebt,
Wer heute lebt und hört es nicht,
Der hat umsonst gelebt.

Der kann ein Schuster brav und treu,
Ein Garkoch fett und fein,
Ein Guldengraf mit Geld wie Heu,
Ein armer Schnorrer sein.

Ob er zu Vater Jakob schwört,
Ob zu der Frau Marie,
Wenn er dies Maigedicht nicht hört,
Erfand er’s Pulver nie.

Er träumt wohl viel Dynamit
und Nitroglycerin,
Der revolutionäre Sprit
Dampft von Paris nach Wien.

Er dampft in seinem dummen Kopf,
Der Schädel wird ihm taub,
Am ersten Mai macht sich der Tropf
Behutsam aus den [sic!] Staub.

Er macht sich aus dem Straub und stopft
Die Ohren zu mit Wachs,
Wenn einer an die Thüre klopft
Zum Stuhlbein greift er stracks.

Er setzt sich ängstlich in die Wehr
Und spuckt nach dem Gespenst…
O lustiges Philisterheer,
Wie du in’s Mausloch rennst!

Das wunderbarste Weltgedicht
Am Dickfell dir zerstiebt,
Das Maikonzert verstehst du nicht,
Das dir die Menschheit giebt.

Wir aber ziehen tiefbewegt
Hinaus in Feld und Wald,
Was sich in Busch und Wipfel,
Wird Sturmlied, wird Gestalt.

Vor dem gequälten Volke mild,
Kein Traumbild und kein Wahn,
Hat sich ein leuchtend Lebensbild
Reichblühend aufgethan.

Ein Brausen wandert froh und bang,
Doch froher Jahr für Jahr,
Der Arbeit Riesenfront entlang,
Und was da braust wird wahr…

Es wird ein großes Maigedicht
Auf Erden heut gewebt,
Wer heute lebt und hört es nicht,
Der hat umsonst gelebt.

Volkswille (Falkenau), 3. Jahrg., 25. April 1896, Nr. 12, S. 2. Online


Letzte Änderung: 11. September 2025.