„Bock“-Abend in der Tonhalle
Und so woll’n wir noch einmal!
Mit Fanfaren durch den Saal.
Rittlings auf Stühlen hopp, hopp, hopp, hopp,
Göttlicher, bockiger Gänsegalopp,
Bravo, da capo, noch einmal im Kreise
Hier durch die Mitte die ulkige Reise…
Fliegen die Gläser, Heirassassa!
Komm, liebe Seele,
Theures Kameele —
Schmiegermama!…
Pudelnärrische Karawane,
Tolle, schnurrige Pilgerfahrt
Vom zinnobrigen Gockelhahne
Zum polackischen Judenbart.
Gottvoll! Böcke, Schimpansen, Gaißen!
Der mit dem Strumpf — zum Schwanzausreißen!
Doppelte Kerzen auf der Gurke…
Dienstmann, du bist pyramidal!
Hebe dich von mir, scheußlicher Schurke!
Ei Herchefes, Herr Blumeuthal!
Musensöhue und Ladenschwengel,
Newaschöne und Limmatengel!
Da mit dem türkischen Fez der Besen
Ist eine stramme Tochter! „Den Teufel!
Mit der bin ich verlobt gewesen.“ —
Schwindelmeier! — „Armselige Zweifel!“
„Potz! Die gepuderte Lockeuperücke…
Wer mag…?“ Gelt, ein nettes Gesicht!
Lueg, die schunkeln! Lueg, Friederike!
Komm laß uns auch mal! Warum denn nicht?
Hinter den Palmen goldene Ruthen!
Sprühfeuerfluthen.
„Emma, gib auf dein Hauptstück Acht!“
„Mama, das brennt mich nicht… O diese Funken!“
„Hahaha! Wer jetzt am lautesten lacht!
Hahaha, Hahaha! — Kerl, bist betrunken!“
„Freut mich sehr,
Thu‘ nicht so dumm!
Bockbier her
Oder ich fall‘ um!
Schrum bum!
Wildes Gewieher!
Hoch auf den Schultern quer durch den Saal
Der dreimasterne General:
„Citoyens, le jour de Gloire
Est arrivé…“
Tusch und Fanfare.
„Vive Boulanger!“
„Nun, meine Herren?
Boulangerflöten!
Gar nichts von Nöthen?
Finanzen lahm?
Keine Geschäftsverbindung heute.“
Mühsam durch die johlende Meute
Rettet der „Zeitgeist“ seinen Kram.
Ei, mit der phrygischen Mütze,
Dirnchen, die steht dir famos.
Deine Augen wie Blitze,
Freiheit, dich liebe ich bloß.
Hu, mit der schwarzen Kapuze
Hinter dir reitet der Tod:
„Macht euch das Leben zu Nutze,
Werdet doch Alle zu Koth!“
Du mit dem Korbe voll Blüthen
Mägdlein so mager und bleich,
Wenn deine Wangen doch glühten
Wie deine Rosen so reich!
Blumenmädchen, du Kleine,
Mutterseelenalleine,
Fährst tagtäglich im Sturmgebraus
Auf das offene Meer hinaus.
Gib das Sträußchen Reseda!
(Hast du schon jemals gelacht?) —
„Komm herab, o Madonna Theresa,
Wie schön, o wie schön ist die Nacht!“
„Pfäfflein!“ Laß meine Priestertiare
Mit dem schmarztupfigen Hermelin!
„Pfäfflein, Bock ist das einzig Wahre,
Morgen sind mir schon Leichen,
Paragraph 11 ist das Zeichen,
Drauf sich Klerus und Laien verstehn —
Im Franziskaner auf Wiedersehn!
Dominus vobiscum!
[[Diorama]], Zürich 1890, S. 63-65. Online
Die ersten Bockabende in der Tonhalle in Zürich fanden 1889 statt, im Jahr, in dem Karl Henckell die Gedichte für Diorama schrieb. Was es mit mit diesen auf sich hatte, ist einem Hinweis des St. Galler Stadtanzeigers zu entnehmen, der :
Das diesjährige Sechseläuten in Zürich ist auf den 8. April angesetzt; ein einheitlicher Umzug aber wird wahrscheinlich der Kosten wegen unterbleiben.
„Dafür,“ schreibt man aus Zürich dem „St. G. Stadtanzeiger“, „finden gegenwärtig alle Wochen drei bis vier Maskenbälle statt und für rechte „Narren“ überdies jede Woche in der Tonhalle ein sogenannter „Bockabend“. In den Pfandleihanstalten aber thürmen sich Betten, Matratzen, Eheringe und andere Sachen haushoch und das Ende der „Narrethei“ wird sein — ein riesiger Katzenjammer!“1
Die Zeit der Narrethei und Maskenbälle hat für Zürich bereits begonnen. Die ersten Maskenabende haben stattgefunden, eine Reihe anderer sind annoncirt und heute Abend findet in der Tonhalle der erste sog. „Bockabend“, ein zürcherisches Gewächs höhern Blödsinns, statt. Der ganze dumme Witz besteht in einer gut angelegten Spekulation auf den Geldbeutel der „Narren“, denn wer so und so viel Bier konsumirt hat, erhält unentgeltlich eine Narren-, oder sog. „Bockmütze“ und darf sich dann mit dem Ding in langem Gänsemarsche durch die Räume der Tonhalle trollen. Derartige Aufzüge sind natürlich keine Entweihung des sonst so „erhabenen“ Kunsttempels!
