Ein mysteriöser Fall

Ein mysteriöser Fall

In Ascona erkrankte letzte Woche eine deutsche Dame unter den Anzeichen schwerer Vergiftung. In hoffnungslosem Zustande wurde sie ins Spital von Locarno überführt und starb am Freitag. Die Beerdigung fand Samstag vormittags 10 Uhr auf dem Friedhof von Locarno statt. Herr Pfr. Zittel aus Locarno hielt die Trauerrede. Die „Tessiner Ztg.“ schreibt über das Vorkommnis:

Der Fall selbst ist sensationell und höchst interessant. Die Verstorbene, Tochter eines angesehenen Professors aus München, lebte hier in Begleitung eines mysteriösen Dr. Groß, von dem man nur so viel weiß, daß er in Deutschland verheiratet ist und schon einigemal in Ascona wohnte. Auch damals, als sich Lotte Hattemer vergiftete, wohnte er hier. Seines Berufes Mediziner, steht ihm natürlich das Recht zu, Rezepte zu verschreiben, und in diesem Fall rezeptierte er einige Gramm des betreffenden Giftes, das in der Apotheke Maggioroni behoben wurde. Nach Aussage des Groß sollte das Medikament dazu dienen, um die Zahnschmerzen seiner Begleiterin zu lindern. Statt aber das Gift in den Zahn zu träufeln, setzte die Unglückliche das Glas an die Lippen und trank es aus. So lautet die Darstellung dieses Dr. Groß, der übrigens Locarno bereits verlassen hat und der heute an der Beerdigung fehlte. Groß lebte mit seiner Begleiterin nicht durchwegs in bestem Einvernehmen. Die beiden wurden sogar in öffentlichen Restaurationslokalen bei heftigem Wortwechsel getroffen.

In einem andern Blatt lasen wir, Dr. Groß sei im Irrenhaus. Jedenfalls bedarf der Fall weiterer Aufklärung.

Der Bund, 62. Jahrg., 8. März 1911, Nr. 112, S. 2. Online


Letzte Änderung: 1. Dezember 2025.