Ein jüdischer Kunstverlag

Ost und West, 1901, Heft 12

Ost und West, Dezember, 1901, Heft 12, Sp. 935-936

Ein jüdischer Kunstverlag

Die nebenstehende Abbildung ist das Signet eines neuen, einzig in seiner Art dastehenden Unternehmens, das sich die Realisierung eines der vornehmsten Programmpunkte von „Ost und West“ zur Aufgabe gesetzt hat: die Förderung des Kunstsinns in der jüdischen Masse. Alle die Bestrebungen, welche auf eine Neubelebung jüdischer Kunst hinzielen, müssen zunächst auf die grosse Menge des jüdischen Publikums zu wirken suchen, um so die Unterlage, den Grund und Boden zu schaffen, auf welchem die alten Keime aufs neue Wurzel schlagen, emporblühen, sich entfalten und reichen Schatten spenden sollen. Die jüdische Kunst, deren Förderung ein junges Judentum heute anstrebt, hat Anfänge ge­habt, die soweit in der Zeiten Ferne zurückliegen, dass nur die allerwenigsten Künstler unseres so vielbegabten Stammes die Fähigkeit sich bewahrt haben, an diese alten Anfänge anzuknüpfen und so eine aus unserer Geschichte und Ueberlielerung organisch hervor­wachsende Kunst vor uns entstehen zu lassen. Zu dem kommt noch, dass die Unkenntnis des jüdischen Publi­kums zu einer Gleichgültigkeit in Sachen der jüdischen Kunst geführt hat, welche auch die wenigen Künstler entmutigt oder zu andersgearteter Bethätigung zwingt, die fähig wären, am Ausbau unserer neuen Kunst zu helfen. Zum Glück aber ist in den allerletzten Jahren — fast konnten wir „Monaten“ sagen — Dank der neuerwachten jüdischen Kulturbewegung, ein kleiner Stamm echt jüdischer Künstler aus der grossen Zahl von Künstlern jüdischer Abstammung hervor­getreten, welcher schon jetzt so klarbewusst gut­jüdische künstlerische Werte schafft, dass wir an die weitere Entwickelung dieses Zweiges nationaler Eigenart mit Zuversicht glauben dürfen. Wir sehen es klar aus diesen neuen Anfängen; das Feuer der jüdischen – Kunst war nicht erloschen —: es glomm durch alle diese Jahrhunderte unter der Asche fort und wird sich einem Phönix gleich zum neuen Tag, zu neuer Schönheit erheben.–

Der [[Der Kunstverlag Phönix|neue Kunstverlag]] arbeitet nach zwei Haupt­richtungen: er bildet eine Centralstelle, an der alles gesammelt wird, was an Reproduktionen von Kunst­werken jüdischen Interesses existiert und bisher nur mit grösster Mühe und höchst unvollständig von überall her zusammengetragen werden konnte, und er befasst sich des weiteren mit der Reproduktion solcher biblische und modern-jüdische Motive behandelnder Kunstwerke, welche bisher überhaupt nicht im Handel zu beschaffen waren.

Der neue Verlag macht es sich zur Aufgabe, so­wohl ältere und bekannte Werke, wie auch die neuesten speziell jüdischer Künstler dem jüdischen Publikum in Reproduktionsarten zugänglich zu machen, die sowohl dem Geldbeutel der Aermsten wie dem ver­wöhnten Geschmacke der Wohlhabendsten Rechnung trägen. Wir werden noch Gelegenheit nehmen, auf dieses neue und gross angelegte Unternehmen zurück­zukommen. Der in wenigen Tagen erscheinende Katalog enthält eine Auswahl von etwa 500 der besten Kunstwerke jüdischen Interesses.

Ost und West, [1. Jahrg.], Dezember 1901, Heft 12, Sp. 935-936. Online

Das erwähnte Signet wurde von Ephraim Moses Lilien gestaltet.


Letzte Änderung: 7. Dezember 2025.