Sonnenblumen (Internationale Postkarten-Zeitung)

„Sonnenblumen“,

so nennt sich ein trotz seiner Einfachheit doch recht anmuthsvoll wirkendes, sehr empfehlenswerthes Werkchen, das für einen Groschen, zum Preise eines bescheidenen Blümleins, Meisterwerke der Lyrik darbietet und uns mit den berühmtesten Geistesheroen ältester, alter und neuester Zeit bekannt macht.

Die Verlagsanstalt Karl Henkell & Co. in Zürich bietet Alles auf, mit diesen „Sonnenblumen“, zwanglosen Blättchen, geschmückt mit den Bildnissen berühmter Männer, die gehaltvollsten Erzeugnisse der Dichtkunst hinauszusenden in alle Lande deutscher Zunge „dem Herzen zur Labung“.

Seit ganz kurzer Zeit aber, nachdem die Ansichtspostkarte der Liebling von Alt und Jung, von Arm und Reich, von Sammler und Nichtsammler geworden ist, hat sich auch die Poesie ihrer bemächtigt, nachdem die gewiegtesten Meister des Pinsels und der Farbe mit vollstem Eifer ihr Bestes gethan haben, um aus den sonst so unscheinbaren Postkarten wahre Kunstwerke zu schaffen, die Auge und Herz erfreuen.

Und gerade obiger Verlag der „Sonnenblumen“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, nach „Sonnenblumen“-Manier Postkarten herzustellen, die jedes feinfühlige Menschenkind entzücken müssen.

Wie die „Sonnenblumen“ selbst, so enthalten auch diese Kärtchen das Bildniss irgend eines bedeutenden Dichters und nebenan eines der reizendsten Kinder seiner Muse.

Wieviel möchte man oft auf ein Kärtchen schreiben! Wie oft plagt sich so Mancher, ein kleines, nett sein sollendes Reimchen zu schmieden, um es irgend einem lieben Wesen zuzusenden!

Durch die Sonnenblumenpostkarten ist man nun gar manchen Kopfzerbrechens enthoben. Der beredte Mund des Dichters spricht ja hier aus seinen Verschen, und sicher weit anmuthsvoller, nachdrücklicher und inniger. Dieser feinfühlige Gedanke des Herausgebers macht ihm alle Ehre.

Er selbst aber spricht sich bei seinem neuen Unternehmen ganz allerliebst aus, wenn er sagt:

Soll die Welt durchdringen Sinnvoll schönes Sein, In den kleinsten Dingen Lasst die Kunst herein!

Nicht in höh’ren Sphären Weltfremd throne sie, Auf den Hausaltären Heimisch wohne sie.

Hauch der Dichter streife Deine Seele nah, Nur zur Feder greife, Und der Gott ist da.

Auf der Karte Schwingen, So von Hand zu Hand, Mag Dein Wort umschlingen Zarter Musen Band

Robert Albrecht, Nürnberg

Internationale Postkarten-Zeitung, 1. Jahrg., 15. Mai 1898, Nr. 4, S. 27. Online


Letzte Änderung: 12. Dezember 2025.