Im Oktober 1901 eröffnete der Künstler Max Tilke das Cabaret zum hungrigen Pegasus in Berlin.
Berliner Tageblatt
Ein junges Weib weißem Gewand, Chrysanthemen im Haar, spricht eigene Gedichte von einer schwülen, perversen Sinnlichkeit und dabei vou einer seltsamen Tiefe. Man kann über die geringe Vortragskunst nicht lachen; es ist, als ob unter dem monotonen Klang der Stimme ein gewaltiger Schmerz uud eine gewaltige Angst sich verbergen, die am liebsten laut aufschreien möchten.
Paul Block, Berliner Tageblatt, 30. Jahrg., 28. Oktober 1901, Nr. 549, S. 2. Online
Neues Wiener Tagblatt
Dann gibt es natürlich auch eine erotische Dame. Das gehört nun dazu. Sie nennt sich Mater dolorosa, glaub‘ ich. Sie „merodelt“, die Frisur, mein‘ ich. Und sie „sagt“ Poesien, die alle sind wie… Man kann es nicht anders bezeichnen. Es sind Dichtungen wie die von Verlaine oder Baudelaire, wie die von Dörmann oder sonst wem. Nie ein wirklicher, eigener Ton, aber immer ein hysterischer Nebenton. Und immer singt Mater dolorosa Lieder von unbefriedigter Sinnlichkeit. Sie erzählt von ihren Träumen und ihren Gedanken vor dem Einschlafen … Ich muß sagen, ich finde diese hysterischen Zoten entsetzlich; denn sie sind gemacht, sind Speculationen. Von all den „Lüsten“ und Verirrungen und Entgleisungen der Liebe hat das Mädchen im weißen Gewande sicherlich – Heil der Sittlichkeit! – gar nichts verspürt, sonst sänge sie nicht davon.
W. Fred, Neues Wiener Tagblatt, 35. Jahrg., 23. November 1901, Nr. 322, S. 1. Online
Münchner Neueste Nachrichten
Nach der Pause reißt Dolorosa die Gemüther hin. Dolorosa ist der Stern des hungrigen Pegasuses. Dolorosa übermarie-madeleint die bekannte Poetin. Die als so schlimm verschrieenen Offenherzigkeiten der Verfasserin der „Drei Nächte“ und des schön gebundenen Buches „Auf Kypros“ sind Weihnachtsliteratur für die reifere weibliche Jugend, wenn man ihre Produkte an den schwülen Perversitäten Doloröschens mißt. Uebrigens hat die Schmerzensreiche Talent. Und sie weiß ihre Verse vorzutragen mit einer eigenthümlich starren Monotonie des Ausdrucks, einem leidensvollen, gequälten Pathos, das seltsam ergreift. Dilettantische, unfreie Kunstlosigkeit, die mitunter höchster Kunst gleichkommt..
Münchner Neueste Nachrichten. Online
Das moderne Brettl
Und nun ein Seltsames in diesem harmlos-heiteren Kreise: — Dolorosa! Reglos das bleiche Gesicht, reglos die grossen, dunklen Augen, steht sie in gürtellosem Gewand auf dem kleinen Podium wie eine Priesterin. Und sie spricht, die Lider fast geschossen, ihre Gedichte in einer marmornen Ruhe. Und Marmorschönheit liegt über diesen Gedichten, aber in ihnen glüht die Liebe Sapphos . . . Und doch, Dolorosa, Dein Tempe[l] sollte nicht auf Kypros stehen! Für Deine wundervollen Hohelieder der Liebe ist Kypros zu klein! –
[…]
Als echte grosse Kunst konnten wir jüngst ausser Dolorosas Dichtungen kaum etwas gelten lassen. Doch es wäre ja auch sinnlos, im Cabaret die grosse Kunst aufsuchen zu wollen; einen ungezwungen fröhlichen Abend aber kann man dort verleben, wenn man die erforderliche Empfänglichkeit für Künstlerulk im Herzen trägt[.]
Das moderne Brettl (Berlin), S. 57-58. Online