Hiobs Klage

Hiobs Klage

Hast du mich schwer gestraft, erhabner Gott,
Warum hast du nicht zugleich mir
Deinen barmherzigen Knecht, den Tod gesandt?
Was ich verlor, das bleibt verloren.
Was soll ich zu dir sprechen?
Hast du den Weg mir grau verhüllt,
Hast du mich ringsum eingeschlossen,
Warum nahmst du mich nicht von hinnen?
Was soll ich besser machen?
Wofür dich preisen?
Vieles Leben ward um meiner nichtigen
Grösse willen
Gequält, geopfert.
Ach du kannst totem Fleisch
Nicht neuen Odem geben.
Und was ist mein gespenstig Flämmchen
Vor der strahlenden Sonne deiner Allmacht!
Haben doch Wunsch und Hoffnung selbst
Zur Sündenqual sich mir verkehrt.
Soll nach dem dankbar fröhlichen Tag ich
Zurück mich sehnen,
Da so wie ich noch Menschen leiden?
Und für die Zukunft, — sage Herr:
Kann mir nach solcher Nacht ein Glück noch werden?
So flehe ich dich an:
Verzeih des Siechen Uebermut;
Ich frage nicht, ich zürne nicht.
Ist noch ein Rest von Gnade
Im Kelche meines Lebens,
Den du durch dunkle Gründe trägst, —
Lass einen raschen Tod mich sterben.
In diesem Reiche nicht und nicht im andern
Begehr ich Seligkeit.
Aus deinen Vaterhänden
Den Tod erbitt ich.

Berlin. Arno Nadel

Ost und West, 11. Jahrg., Dezember 1911, Heft 12, Sp. 1089-1090. Online


Letzte Änderung: 20. August 2026.