Jüdische Kunst. Mit grossem Interesse verfolgt man in Berliner Kunstkreisen die Thätigkeit des decorativen Malers und Zeichners E. M. Lilien, eines treuen Gesinnungsgenossen, welcher, in der von der Secession eingeschlagenen Richtung fussend, die Auswüchse der secessionistischen Phantasie vermeidet und zu einem edleren, modernen Stil zu gelangen bestrebt ist. Ein weites Bethätigungsfeld findet die Phantasie des Künstlers in der Ausschmückung einer Gedichtesammlung des Freih. v. Münchhausen, welche der Geschichte, den Bräuchen und den Idealen des Judenthums gewidmet sind. Für diese neuen „hebräischen Melodien“, die ein hannoverscher Verleger im Laufe des Winters zu veröffentlichen gedenkt, entwirft Lilien zahlreiche stilvolle Seitenumrahmungen in Folioformat und eine Reihe von Textillustrationen, Vignetten etc. Er findet hier Gelegenheit, neben den Gebilden seiner eigenen Phantasie die schönsten Motive, mit denen die jüdischen Handschriften-Copisten des Mittelalters ihre in der Londoner und Wiener Bibliothek aufbewahrten Arbeiten geschmückt, für die moderne Decorationskunst zu verwenden. Von überraschender Wirkung ist eine von Lilien ersonnene Titelschrift: lateinische Buchstaben, die aber so geformt sind, dass sie fürs Auge ganz den Charakter der hebräischen Quadratdruckschrift gewinnen.
Die Welt (Wien), 4. Jahrg., 20. Juli 1900, Nr. 29, S. 10. Online