e. d. Dolorosa, Confirme te chrysmate. (Berlin NW., M. Lilienthals Verlag.) Ein Buch mit etwa vierzig Gedichten, lauter fremdgestaltige, seltsame exotische Blüten, die leuchten in verzehrendem Rot oder in krankem Weiß, und die einen süßen Gifthauch entsenden. Selten findet man so formvollendete Verse, und unter den Frauen vielleicht nur bei Margarete Susmann. Damit aber soll die keusche jungfräuliche Poesie der Susman nicht mit den schwülen sinnlichen Bekenntnissen Dolorosas verglichen werden. Eher ist Dolorosa mit Marie Madeleine verwandt, die ihr
Vorbild und Ideal gewesen zu sein scheint. Nur daß Dolorosa ihre Vorkämpferin an Schönheit und Vornehmheit der Verse wie an Perversität des Gefühls noch bei weitem übertrifft. Dolorosa singt das Hohelied der blutroten, jauchzenden Sünde, der grauenvoll süßen Liebe, der Wollust im Schmerze; trübe und erstickende Flammen schlagen aus ihren Liedern. Sie überrascht oft
durch die Kühnheit und Eigenart ihrer Sprache und ihrer Bilder, sie entzückt oft durch den Wohllaut ihrer Reime, aber noch öfter stößt sie ab und widert uns an, und vieles kann man überhaupt nur dann beurteilen, wenn man es vom pathologischen Standpunkt aus betrachtet. Man braucht wahrhaftig kein Spießbürger zu sein, um davon abgestoßen zu werden, wenn eine Frau ihre ungesunden und perversen Triebe so unbekümmert zur Schau stellt, ja sich ihrer noch rühmt und sie dazu ausnützt, ein Buch voll Gedichte auf den Markt zu bringen. Gerade bei dem unstreitigen bedeutenden lyrischen Talent der Dolorosa ist ihre Neigung zum Schmutz bedauerlich. Sonderbar muten am Schlusse dieses Bändchens die stillen religiösen Lieder an, die aus einer so ganz anderen Seele herauszuklingen scheinen. Wahrscheinlich hat Dolorosa sie verfaßt, wenn sie zufrieden und müde von den Prügeln war, die ihr blonder Liebster ihr gegeben hat.
Münchner Neueste Nachrichten, 56. Jahrg., 14. Mai 1903, Nr. 225, S. 6. Online