1888
Uetli
Keck durch die Rinse empor!
Klammr‘ am Gesträuch dich an!
Wer hier den Halt verlor,
Ist ein verlor’ner Mann.
Glitschig der Boden weicht,
Wanke nicht, gleite nicht!
Bald ist die Höh‘ erreicht —
Sieh, wie durch junges Grün
Grüßende Helle bricht!…
O ihr dämmernden Thale,
Fluthen nebelumgraut,
Gleich mit goldenem Strahle
Küßt euch die Braut.
Schau, über jenen Höh’n
Langsam und feierlich,
Siegesgewiß —
Darfst noch in’s Aug‘ ihr sehn —
„Wunderschön, wunderschön,“
Lispelt die Miß.
Aber das Welteidotter schwillt,
Ein Getümmel von Strahlen quillt,
Fahl verröchelt die Finsterniß…
Morgenschaudernd ich schreite
Späh‘ in westliche Weite,
Und schon hab‘ ich das Schloß,
Wo an seliger Seite
Lust und Leid ich genoß
Schlummerst du, Liebchen?
Thörichte Liebe thut weh …
„Komm,“ weckt Brüderchen Baby,
„Raffe dich auf zum Kaffee!…“
1890
Uetli
Keck durch die Rinse empor!
Klammr‘ am Gesträuch dich an!
Wer hier den Halt verlor,
Ist ein verlor’ner Mann.
Glitschig der Boden weicht,
Wanke nicht, gleite nicht!
Sieh, wie durch junges Grün
Grüßende Helle bricht!…
O ihr dämmernden Thale,
Fluten nebelumgraut,
Gleich mit goldenem Strahle
Küßt euch die Braut.
Schau, über jenen Höh’n
Langsam und feierlich,
Siegesgewiß —
Darfst noch in’s Aug‘ ihr sehn —
„Wunderschön, wunderschön,“
Lispelt die Miß.
Aber das Welteidotter schwillt,
Ein Getümmel von Strahlen quillt,
Fahl verröchelt die Finsterniß…
Morgenschaudernd ich schreite
Späh‘ in westliche Weite,
Und schon hab‘ ich das Schloß,
Wo an seliger Seite
Lust und Leid ich genoß.
Schlummerst du, Liebchen?
Thörichte Liebe thut weh…
„Komm,“ weckt Brüderchen Baby,
„Raffe dich auf zum Kaffee!…“
Amselrufe. Neue Strophen, Zürich 1888, S. 101. Online
Amselrufe, Zürich 1890, S. 95-96. Online
Beim Neusatz der 2. Auflage scheint die 7. Zeile des gedichtes „Bald ist die Höh‘ erreicht —“ verloren gegangen zu sein.