Der jüdische Garten in Krakau

Der jüdische Garten in Krakau

Ein sehnsüchtiger Traum unserer Kinder aus dem Ghetto ist hier zur Wirklichkeit geworden. Jüdische Kinder, die ihr junges Dasein in den schwülen, düsteren Gassen des Kazimierz zu-gebracht haben, regen ihre Glieder in freier, frischer Luft, wachsen in anregender körperlicher Arbeit, graben und säen, pflanzen und ernten, jauchzen und singen….

„Unser Gärtchen“ — keines kümmert sich um den offiziellen Namen „Garten-Kolonien der jüdischen Jugend“ — ist in Wahrheit zu einem lebenden Gan Eden unserer Kinder geworden. Die uralte jüdische Sehnsucht nach der Scholle, in den dumpfen Winkeln der Gasse stets un­bewußt lebendig, ist von jenen Glücklichen, die unsere Heimat am Jordan betreten durften, zu neuer Kraft entfacht worden. Und weit draußen vor unserer Stadt, am Jordanspark, bereiteten ihr Ghettokinder ein neues Heim.

Was war es für ein bescheidener Garten, als ich ihn vor zwei Jahren begann! Zunächst nur ein Joch groß — inzwischen ist er auf das Dreifache angewachsen. Aus der alten Rennbahnwiese wurde das Grundstück herausgeschnitten — ein seltsamer Zufall fügte es, daß dieses die Form, eines Schofars besitzt. Oder war es mehr als Zu­fall — war es ein Symbol, das dem hier er­wachsenden neuen Leben seinen Stempel aufprägte? lch weiß es nicht; jedenfalls hatte ich ein anderes Grundstück desselben Besitzers ab­gelehnt. Ich suchte die Landschaft, die dem Werk die Weihe ihrer Schönheit, der arbeitenden Jugend lachenden Frohsinn geben sollte. Ich suchte die Nachbarschaft eines Häusleins im Stil der Alpen­hütten, das für Zwecke der Verwaltung, zur Unterbringung der Garderoben und Magazine dienen sollte. Für die billige Miete gebührt Dank der Gemeinde. Ja, wir waren damals noch nicht anspruchsvoll, damals im März 1916. Eine noch laublose Obstbaumgruppe mit einem unbrauchbaren Brunnen dabei erschien mir wie dem Wüstenwanderer die leben- und schattenspendende Oase. Aber mir half ein guter Vorsatz und ein fester Wille — und es ging aufwärts, trotz riesiger Schwierigkeiten und vieler, vieler Hinder­nisse…

Die ganze Zeit führte ich ein Doppelleben. Die achtstündige Dienstzeit mußte ich dem Soldatenleben widmen — doch friedvoll war meine Arbeit am frühen Morgen, mittags und abends für unseren Garten. Bald waren Pflüg und Egge in Tätigkeit, es kamen Gartengeräte, Pflanzen und Sämereien, Gartenbaulehrer erschienen und endlich — unsere jüdische Jugend, groß und klein, Knaben und Mädchen.

Die dringendsten Gartenarbeiten waren kaum vollendet, als ein eigener Schöpfbrunnen geteuft und zwei abnehmbare Zäune errichtet werden mußten. Wir sind aufs Wandern immer einge­richtet und da der Gatten eine Pionierarbeit ist und unsere Schomrim zu Hütern erst erzogen werden sollen, so wandern der Holzlatten- und der Drahtgitterzaun, die Fässer ünd Leitungsrohre zum Winterschlaf in die geräumigen Magazine.

Vor dem breiten Haustore stand seit Ende April eine lange Reihe arbeitslustiger Schüler, die in ihrer freien Zeit in ihr Gärtchen kamen. (Im letzten Jahre waren es allein im ersten Turnus bis Ende Juni 200 und zusammen ungefähr 400 kleine Gärtner.) Es findet die Ausgabe der Gartengeräte statt. Die Jungen sind ungeduldig, obwohl die Abfertigung rasch vor sich geht. Einer ihrer Schulkameraden ist heute Magazineur und vermerkt in einem großen Arbeitsbuch die Namen der zur Arbeit ausrückenden Genossen. Die ge­heimnisvollen Ziffern, die er schreibt, sind ihnen kein Rätsel. Das Buch hat nämlich lauter Ru­briken, die alles vermerken, von Tag und Stunde angefangen, alles Zeug von Gartenschnüren, Spaten, Rechen, Hacken, Gießkannen usw. bis zum Wetterbericht mit den einem Astronomen geläufigen Zeichen. Hättet ihr die lustige Schar gesehen, die friedlich ausgerüstet den neuen Weg durch das 3/4 Joch große Kartoffelfeld durch­schritt! Singend und lachend geht sie an den beiden Spielplätzen vorbei in den Garten. Zwei ständige Lehrer und einige Gruppenführer weisen den kleinen Gärtnern ihre Arbeit zu. Beete, in der früheren Rennbahn fächerförmig ausgesteckt, tragen Täfelchen mit fortlaufenden Zahlen. Gleich im ersten Jahre waren es 107, im Durchschnitt 23 Meter lange Beete, und jedes Beet hat seine eigene geschriebene Geschichte. Aus ihr ersieht jedermann auf den ersten Blick, wann und wer hier schweißtriefend den Boden umgegraben, wer die einzelnen Reihen gesäet oder junge Pflanzen gesetzt hat.

Gehet hin und lernet, wie wir arme Judenkinder des Ostens an Ordnung und Reinlichkeit, an Pünktlichkeit und Gewissenhaftigkeit ge­wöhnten! Tätige, produktive Arbeit, einfache Ge­rechtigkeit bewährten sich als die besten Er­zieher — ein lebendiger Gegensatz zu der leider im Galuth so stark gewordenen einseitigen Geistigkeit, die nicht begreifen will, daß der wahre Geist an seiner Tat gemessen, echte Kultur nur an ihrer Arbeit erkannt wird. Darum unterschätzt auch nicht die organisatorischen Hilfsmittel, die Rubriken und Ziffern, Notizen und Zahlen! Sie halfen uns redlich bei unserem Erziehungswerk.

Tretet ein und sehet, was unsere Jugend hier geschaffen! Seht die Farbenpracht in ihrer Flächenwirkung! Aber seht unsere Kinder an, wie sie hier mit Mühe und Freude den Boden um­graben, dort gewissenhaft den Samen ausstreuen! Ein paar Mädchen haben ihren Widerwillen gegen das kriechende Getier schon soweit über­wunden, daß sie das Kraut von Raupen befreien. Jene fünf Jungen, die so stolz und doch bescheiden ihre Köpfe erheben, haben hier dieses Farben­wunder im Gemüsegarten geschaffen: eine aus Beeten geformte riesengroße Menorah (aus Rotkraut), auf ihrem Ständer ein Magen-Da­vid in duftigen Blumen. Auf einer etwas er­höhten Terrasse halten treue Wacht zwei grüne Fackeln (aus Maisalat) mit feuerroten Flammen von Blumen — und zwei blumenbesetzte Lauten­beete sangen uns ein eigenes Lied…

In den sonnendurchglühten Sommertagen vor den Ferien beschleicht die armen Kinder ein stil­les, hoffnungsloses Verlangen. Sie hörten einmal von Kindern oder sie kennen Kinder, die in die Sommerfrische fahren. Jene werden Wiesen, Wälder und Täler sehen, werden im Grünen wandern und spielen. „Warum nicht ich?“ denken die Kleinen, „bald kommen die Ferien…“

Da bleiben sie in den Gassen vor einem kunstsinnigen, mit jüdischem Wappen gezierten Plakat, einem Bilde kleiner Gärtner stehen. Sie lesen die Ankündigung der Einschreibungen in die Garten-Kolonien mit gesenkten Blicken. Wir fra­gen und hören oft: „Ich habe keinen Vater mehr, auch keine Mutter“. Hier enthüllt sich ein ewiges Leid und Elend; jedoch Angaben müssen gesam­melt werden. Gar bald wird die Schar immer größer und der Ferien-Turnus mit 150 Kindern komplett. Es folgt die Assentierung: Körper­gewicht und Größe und ärztliche Untersuchung durch liebe, selbstlose Freunde unserer Sache.

Das kleine Volk hat es sehr eilig auf dem langen schattigen Weg von der letzten Straßen­bahnstation. Mit Armbinden in Weiß, Blau oder Grün kommen sie in Gruppen in dem kleinen Ge­höfte an. Doch aus den Garderoben strömt nach einer Weile ein anderes Volk heraus. Alles ist barfüßig und läuft freudestrahlend auf den kühlen­den Rasen. Sammelpunkt ist unser Spielplatz und bald sind die kleinen Kolonisten bei ihren ver­schiedenen Beschäftigungen. Verzeiht die Uebertreibung, — aber wir haben wirklich eine Garten­stadt im Kleinen. Dort in unserem niedlichen Wäldchen hausen unsere Werkstätten für Pantof­felerzeugung und Perlenarbeiten. Daneben der gut planierte Krokettplatz mit Rasenplätzen fürs Pu­blikum, etwas weiter eine Reihe blanker Tische und Bänke, für Zeichner, Baukastenarchitekten und Beschäftigungsspiele. Auch Rennspiele führen sie auf dem alten Rennplatz auf. Das sind die schattigen Plätzchen.

Ihnen gegenüber, neben einer liarzduftenden Fichtenhecke hat sich auf dem sonnigen Rasen eine Gruppe niedergelassen, die einer Erzählung lauscht. — Nun folgt mir zu unserem kleinen Sa- . natorium. Wie könnte aucli ein solches in einer Gartenstadt fehlen! Bei uns besteht es aus zehn- Segeltuchmatten mit ebensovielen Liegekur-Pa­tienten. Rote Armbinden entheben sie von Garten­arbeiten und berechtigen zuin wirklichen Ruhe- genuß ihrer Stammsitze, vielmehr ihrer Liege­plätze, von denen aus sie einem reichhaltigen Pro­gramm all der Beschäftigungen, Freispiele und Turnübungen folgen können. — Individuelle Be­schäftigungen“ sind.unser Häuptprinzip.

Dort weit hinten im Garten wird der stram­men und hilfbereiten Helferschaft ein Zeichen überbracht. Bald sind die Geräte unserer kleinen Gärtner rein und sauber im Magazin abgeliefert und nun ertönt das Glockenzeichen zur Jause. Wie die Herde bei der Tränke, so versammelt sich das ganze lustige Volk beim Brunnen — aber zum Händewaschen. Dann geht es freudig zu un­serem Hundertjausentisch — selbstredend mit numerierten Plätzen. Eine überall waltende, pflichttreue, von den Kindern vergötterte Helferin unserer Sache brachte es mit Hilfe von vier klei­nen Wirtinnen immer zustande, daß pünktlich zur fünften Stunde an den Plätzen der Anwesenden so und soviele Portionen Sauermilch und Brot, manchmal mit Käse oder Butter, die Hungrigen erwarteten. Eine leichtere, jedoch verantwortungs­volle Aufgabe mußten zwei weitere Mädchen besorgen. Wenn der Tisch, wie man zu sagen pflegt, gedeckt war, mußten sie vor den Brotportionen Ehrenwache stehen oder richtig gesagt — jagen. Es galt dem feindlichen Geflügel eines Nachbarn. Ja, wenn wir eigenes Geflügel hätten! Vielleicht finden sich einst Freunde, die uns zu einem eigenen Geflügelhof, zu Kleintierzucht und einer eigenen Milchwirtschaft verhelfen. Einstweilen führten uns die in Kriegsdienstleistung stehenden zier­lichen Hundegespanne die Milch aus einem Stadtgeschäfte zu…

Nach der Pause kamen die nächsten Grup­pen als Gärtner daran. Das letzte Jahr war recht trocken und da gab das Begießen viel mühsame Arbeit. Doch Frohsinn, Lieder und Freude am ge­meinsamen Tun standen uns bei und halfen uns. Beinahe taten sie alles. Und wenn uns neue Hel­fer erstehen, dann wird der Garten für weitere Chaluzim zu einer Farm. Dann wandern eine hebräische Volksschule und all die Kurse in die Gartenbauschule hinaus. Dann sehe ich ein neues Leben beginnen.

Nach Arbeit und Spiel sinkt allmählich der Abend hernieder und sein Zauber erweckt in mir eine weiche seltene Stimmung. Alles erscheint mir verklärt und in meinem Geiste lasse ich die Eindrücke des Tages aufs neue erstehen. Wie herrlich erklang das Schalom Alechem-Lied aus dem Munde unserer Kinder da draußen im Freien! Und die vielen rührenden, wunderschönen Szenen, von denen ich einige im Bilde festhielt… Die Ernte im Garten, der Erzähler inmitten der an­dächtig zuhörenden Kinderschar, die Kleinen in atemlosem Lauschen beim Vortrag von Bruchs Kolnidre, und viele, viele andere Bilder und Er­eignisse tauchen in meiner Erinnerung auf.

Ich denke an eine Geschichte: „Wozu dient noch das jüdische Sacktuch?“ Im ersten Jahre hatten wir hin und wieder Sabbathbesuch von Eltern der Kleinen. Wir reichten einer Mutter ein frisches, rotes Radieschen; sie wollte aber nicht eher davon kosten, als bis ihre Rajsel daheim die Frucht eigener Arbeit gesehen — und sie hüllte das Radieschen behutsam in ihr sabbatliches Ta­schentuch. — — —

Der „Zehnte“ vom Gemüsegarten wurde „in das Heiligtum des Gelehrten“ gesandt, zu un­serem geliebten und verehrten Rabbiner. Hier im Garten erhielt das sonnengebräunte kleine Volk die wirkliche Frucht jüdischer Arbeit, hier feier­ten wir unsere erste Schlußfeier und endlich unser herrliches Erntefest…

Und noch etwas gab uns unser Garten:

ln ihm sahen wir das Aufblühen bleicher Ju­denkinder, erlebten wir ein neues Geschlecht jun­ger jüdischer Gärtner, lebten wir selbst unser innerstes Leben. — Die Vergangenheit kam zu uns. Hier weilte sie verträumt und dachte an eine Zukunft.

Krakau. Pinchas Goldwasser.

Jüdische Zeitung (Wien) 12. Jahrg., 27. März 1918, Nr. 13/14, S. 3-5. Online


Letzte Änderung: 24. Oktober 2026.