Ost und West
Jjob
Du Gott, wann ist Dein Marterwerk vollbracht?
Wann hebst du deinen Arm zum letzten Schlage?
Am Morgen ruf ich aus: o wäre Nacht!
Und kommt die Nacht, so schrei ich nach dem Tage.
Du hast mich auf die Lagerstatt gestreckt,
Und Eiterbeulen sind mein Ruhekissen, —
Mit roten Wunden ist mein Leib bedeckt,
Und meine Seele hast du mir zerrissen.
Und lechzt mein Auge nach der Zärtlichkeit
Des Lichts und will am Sonnenstrahl gesunden,
Ach —, die den Rosen Duft verleiht,
Mich blendet sie und brennt mir auf den Wunden.
Und flieh ich stöhnend vor der Sonnenglut
Und berge mich in einen finstern Schatten
Dann macht die glotzende Gespensterbrut
In bösen Träumen meinen Geist ermatten.
Du Gott! und wenn dein Hass mich zehnfach quält,
Ich dulde still, dein starker Wille werde!
Doch sprich, warum du mich hast auserwählt!
Es gibt ja so viel Lumpe auf der Erde.
Jungjüdische Gedichte
Hiob
Von Max Jungmann
(V. J. St.)
Du Gott, wann ist Dein Marterwerk vollbracht?
Wann hebst du deinen Arm zum letzten Schlage?
Am Morgen ruf ich aus: o wäre Nacht!
Und kommt die Nacht, so schrei ich nach dem Tage.
Du hast mich auf die Lagerstatt gestreckt,
Und Eiterbeulen sind mein Ruhekissen, —
Mit roten Wunden ist mein Leib bedeckt,
Und meine Seele hast du mir zerrissen.
Und lechzt mein Auge nach der Zärtlichkeit
Des Lichts und will am Sonnenstrahl gesunden,
Ach —, die den Rosen Duft verleiht,
Mich blendet sie und brennt mir auf den Wunden.
Und flieh‘ ich stöhnend vor der Sonnenglut
Und berge mich in einen finstern Schatten
Dann macht die glotzende Gespensterbrut
In bösen Träumen meinen Geist ermatten.
Du Gott! und wenn dein Hass mich zehnfach quält,
Ich dulde still, dein starker Wille werde!
Doch sprich, warum du mich hast auserwählt!
Es gibt ja so viel Lumpe auf der Erde.
Ost und West, 6. Jahrg., Oktober/November 1906, Heft 10/11, Sp. 733-734. Online
Jungjüdische Gedichte, Berlin 1906, S. 37. Online